Zum Inhalt springen
🇦🇹
AMS-Nachzahlung nach der Rechenpanne: Wiener Straße mit Fassade eines Ministeriumsgebäudes und Straßenbahn im Abendlicht

AMS-Rechenpanne: bis zu 2.500 Euro zurück – und Chaos in den Bundesländern

Nachrichten

AMS-Rechenpanne: bis zu 2.500 Euro zurück – und Chaos in den Bundesländern Nach der AMS-Rechenpanne zahlt das AMS bis zu 2.500 Euro zurück, im Schnitt 400 Euro. Wer vom Sozialamt aufgestockt wurde, sieht das Geld jedoch nicht. Topics: Nachrichten, Arbeitsmarkt, Wirtschaft.

Das AMS (Arbeitsmarktservice) bereitet die größte Einmalzahlung seiner Geschichte vor. Nach einem Erkenntnis des Verwaltungsgerichtshofs (VwGH) rechnet die Behörde die Leistungen der letzten drei Jahre neu. Es geht um rund 250.000 Menschen und eine Summe von etwa 135 Millionen Euro. Im Schnitt fließen 400 Euro pro Person, im Höchstfall 2.500 Euro. Doch für eine Gruppe hält die Freude nicht lange: Wer vom Sozialamt aufgestockt wurde, sieht das Geld sehr wahrscheinlich wieder verschwinden. Wiens Sozialstadtrat warnt bereits vor einem „absoluten Kommunikationschaos” zwischen den Behörden. Wir zeigen, wer wann wie viel bekommt, wie es zur AMS-Rechenpanne kam und was Betroffene jetzt tun sollten.

Wer bekommt die AMS-Nachzahlung und wie viel

Zurückgezahlt wird an alle, die Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe bezogen haben und deren Tagessatz zu niedrig berechnet wurde. Betroffen sind vor allem Menschen mit geringen früheren Einkommen. Wie KOSMO berichtet, fehlten im Schnitt rund 1,10 Euro pro Tag, insgesamt also etwa 400 Euro pro Person. In Einzelfällen erreichen die Nachzahlungen 2.500 Euro – typischerweise nach langem Leistungsbezug.

Konkrete Beispiele zeigen das Ausmaß. Mit einem früheren Bruttogehalt von 2.000 Euro gibt es rund 0,95 Euro pro Bezugstag, also 28,50 Euro pro Monat, teilte das AMS gegenüber ORF mit. Ausgelöst hat alles eine Linzerin: Bei einem Bruttogehalt von 1.123,86 Euro wurde ihr Arbeitslosengeld mit 21,09 Euro täglich festgesetzt. Ihr werden nun 20 bis 30 Euro für jeden Monat nachgezahlt.

Auch der Zeitraum zählt. Berücksichtigt werden nur Bezüge ab dem 22. September 2023: Das Erkenntnis erging am 3. Juli 2026, es langte am 22. September beim AMS ein, und rückwirkend gezahlt wird maximal drei Jahre. Insgesamt sind rund 250.000 Menschen betroffen, mehr als 100.000 von ihnen sollen laut AMS bereits bis Jänner ihr Geld erhalten.

AMS-Nachzahlung: Person prüft zu Hause das Bankkonto, Euroscheine und Rechner am Tisch

Warum das AMS jahrelang falsch rechnete

Der Grund ist ein falsch abgezogener Beitrag. Bei der Berechnung zog das AMS den Arbeitslosenversicherungsbeitrag von 3% ab – auch bei Menschen, die davon ganz oder teilweise befreit waren. Geringverdiener dürfen diesen Beitrag behalten. Dadurch fiel ihr berechnetes Nettoeinkommen zu niedrig aus, und mit ihm der Tagessatz der Leistung.

Den Schlusspunkt setzte der Verwaltungsgerichtshof. Wie KOSMO meldet, stellte der VwGH im Erkenntnis vom 3. Juli 2026 klar: Die reduzierten Beitragssätze für niedrige Einkommen müssen in die Leistungsberechnung einfließen. Zur Klage verhalf der Linzerin die Arbeiterkammer Oberösterreich – mit Erfolg. Zusätzlich zur Nachzahlung bekommt sie auch 1.346 Euro Verfahrenskosten retour.

Die Geschichte reicht bis 2001 zurück: Damals erlaubte das Gesetz eine Durchschnittsbetrachtung der Bemessung. Die Novelle 2008 führte die soziale Staffelung der Beiträge ein, doch die Klarstellung zu den Leistungen stand nur in den Erläuterungen – nicht im Gesetzestext. Der VwGH erklärte die bisherige Praxis daher für unzulässig. Das AMS betont: Niemand hat vorsätzlich etwas falsch gemacht, die erste Instanz hatte die Berechnung ebenfalls als richtig bestätigt.

Was Betroffene tun müssen: nichts

Ein Antrag ist nicht erforderlich. Das AMS durchleuchtet alle betroffenen Fälle von sich aus und überweist die Summen selbst. AMS-Chef Johannes Kopf versprach im Ö1-Radio: „Sie müssen also gar nichts tun, wir kümmern uns darum.” Laut ORF will das AMS bis Jahresende wissen, wem wie viel zusteht – und im Jänner die Auszahlung von allein veranlassen.

Der Zeitplan sieht so aus. Das Sozialministerium erwartet, dass das Geld nach Möglichkeit noch 2026 fließt, alle Fälle bis Jänner 2027 abgearbeitet sind. Ist ein Einzelfall geprüft, meldet sich das AMS von selbst bei den Empfängern. Geplant ist zusätzlich eine gesetzliche Absicherung: Die maßgeblichen Fristen ruhen ab 22. September 2026, bis alle Neuberechnungen erledigt sind.

Daraus folgt eine einfache Sicherheitsregel. Das echte AMS verlangt keine Anträge, keine Vorkassen und keine Kartendaten über fremde Websites – das Geld kommt von allein auf das gewohnte Konto. Typische Betrugsmaschen rund um Leistungen haben wir im Artikel zu Arbeitslosengeld und Spam zusammengestellt.

Warum die Sozialbehörden widersprechen: Millionen für Länder und Gemeinden

Der bitterste Teil betrifft jene, die damals von der Sozialhilfe aufgefangen wurden. Wurde eine Leistung bis zur Höhe der Mindestsicherung aufgestockt, hatte die Person keinen Schaden: Länder und Gemeinden glichen die Differenz aus. Nun gilt die AMS-Nachzahlung als Einkommen, und die Sozialbehörden müssen sie wieder einfordern. Wie Krone berichtet, stehen nach ersten Schnellschätzungen aus dem Büro des Wiener Sozialstadtrats 50 bis 70 Millionen der 135 Millionen nicht den Betroffenen zu, sondern Ländern und Gemeinden.

Die Zahlen aus den Regionen sind markant. Allein in Wien waren laut dem Bericht in den letzten drei Jahren 30.000 bis 40.000 Menschen betroffen, es geht um rund 40 Millionen Euro. Österreichweit sind es laut Schätzungen etwa 70.000 Menschen mit Aufstockungen. Auf einen Verzicht dürfen sich die Behörden nicht einlassen: Das Gesetz verlangt die Rückforderung.

Wiens Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ) warnt vor einem Chaos, würde das AMS direkt an alle überweisen. Zuerst müsse eine Lösung gefunden werden – das hat er bei Arbeitsministerin Korinna Schumann als „alternativlos” deponiert.

Die Leute kriegen 100 Euro, und dann kommt das Sozialamt und sagt: Die 100 Euro kriegen wir zurück.

— Peter Hacker, Wiener Sozialstadtrat für Soziales (SPÖ)

Jeder Fall müsse gemeinsam mit dem AMS geprüft werden: Wer wurde aufgestockt, wer nicht? Wie die Wiener Sozialhilfe ohnehin kürzt, haben wir im Artikel zu den Mindestsicherung-Kürzungen aufgearbeitet.

AMS-Nachzahlung und Sozialamt: Wartebereich einer Wiener Sozialbehörde

Wer die 135 Millionen bezahlt

Blechen am Ende die Steuerzahler. „Das Geld wird vom Staat bereitgestellt”, sagte AMS-Vorständin Petra Draxl im Ö1-Radio – das Finanzministerium bestätigt das und begibt sich auf Geldsuche. Wie exxpress berichtet, sieht Finanzminister Markus Marterbauer die laufende Budgetkonsolidierung dadurch aber nicht ernsthaft gefährdet.

Formell stammt das Geld aus der Arbeitslosenversicherung, die der Bund absichert. Laut Silvia Hofbauer von der AK Wien fängt die Abgangsdeckung des Bundes die Summe auf. Möglicherweise muss auch das Arbeitslosenversicherungsgesetz aus dem Jahr 2001 angepasst werden – Sozialministerin Korinna Schumann versprach eine „rechtssichere Lösung” für die betroffenen Fälle.

Häufig gestellte Fragen

Wer bekommt wegen der AMS-Rechenpanne Geld zurück? Alle, die Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe mit geringen früheren Einkommen bezogen haben und deren Tagessatz zu niedrig ausfiel. Insgesamt sind rund 250.000 Menschen betroffen.

Wie hoch ist die Nachzahlung im Schnitt und im Maximum? Im Schnitt rund 400 Euro pro Person, im Höchstfall 2.500 Euro. Bei einem früheren Bruttogehalt von 2.000 Euro sind das etwa 0,95 Euro pro Bezugstag.

Muss man bei der AMS-Nachzahlung einen Antrag stellen? Nein. Das AMS prüft alle Fälle automatisch und meldet sich von selbst. Überwiesen wird auf das gewohnte Konto – ohne Anträge und ohne Mittelsmänner.

Was gilt, wenn das Sozialamt aufgestockt hat? Die AMS-Nachzahlung gilt als Einkommen, und die Sozialbehörde muss sie laut Gesetz zurückfordern. Der persönliche Gewinn fällt in dem Fall nahe null aus.

Was jetzt zu tun ist

Die Rückzahlungen laufen bereits, daher heißt die Devise: den Prozess nicht behindern und nicht auf Betrüger hereinfallen. Eine kurze Checkliste:

  • Prüfen Sie, ob Sie seit dem 22. September 2023 Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe bezogen haben.
  • Zahlen Sie nichts: Ein Antrag ist nicht nötig, das AMS zahlt von selbst und ohne Vermittler.
  • Achten Sie auf Post vom AMS – über den abgeschlossenen Fall werden Sie separat informiert.
  • Wurden Sie vom Sozialamt aufgestockt, rechnen Sie mit einer Neuberechnung auch auf dieser Seite.
  • Planen Sie bis Jänner 2027; ein Teil des Geldes soll noch heuer fließen.

Die AMS-Rechenpanne trifft eine Viertelmillion Menschen, doch der echte Gewinn fällt deutlich bescheidener aus als die Schlagzeilen: Rund die Hälfte der Summe droht in den Budgets von Ländern und Gemeinden zu versickern. Behalten Sie die Post der Behörde im Blick – und abonnieren Sie unseren Newsletter, um die nächste Wendung nicht zu verpassen.

Einmal pro Woche · Sonntags · Kein Spam

Bleib auf dem Laufenden mit Österreich-News

Die wichtigsten Themen der Woche — Nachrichten, Ratgeber und Einblicke zum Leben in Österreich. Jeden Sonntag in deinem Postfach.

Bonus-Malus für ältere Arbeitnehmer: Wiener Straße vor modernem Bürogebäude mit Beschäftigten jeden Alters
Nachrichten

Bonus-Malus für Ältere: Wer Mitarbeiter über 60 aussortiert, soll zahlen

Raiffeisen Lagerhaus in Niederösterreich — Stellenabbau mit mehr als 100 Jobs
Nachrichten

Raiffeisen Lagerhaus: Stellenabbau in Niederösterreich — mehr als 100 Jobs weg

Steigender Arbeitsdruck in Österreich — Betriebsräte schlagen Alarm
Nachrichten

Arbeitsdruck in Österreich steigt: Betriebsräte schlagen Alarm