Privat oder Kasse: Warum jeder zweite Österreicher mehr für Gesundheit zahlen würde
Privat oder Kasse: Warum jeder zweite Österreicher mehr für Gesundheit zahlen würde Jeder vierte Euro im Gesundheitssystem kommt aus privaten Taschen. Warum jeder Zweite mehr für Gesundheit zahlen würde und was Zusatzversicherung leistet. Topics: Nachrichten, Gesundheit, Wirtschaft.
Die österreichische Medizin gilt weiter als eine der besten Europas, doch bezahlt wird sie immer öfter nicht nur vom Staat. Eine Zusatzversicherung hat rund 40% der Bevölkerung. Wie die Kronen Zeitung berichtet, haben die Gesundheitsausgaben 2025 erstmals die Marke von 60 Milliarden Euro überschritten. Zugleich kommt jeder vierte Euro im System aus privaten Taschen. Eine neue UNIQA-Umfrage zeigt: Fast jeder Zweite würde für seine Gesundheit sogar noch mehr ausgeben. Wir erklären, was hinter diesen Zahlen steckt und welche Wege — Wahlarzt, Privatklinik oder Versicherung — es für Menschen in Österreich gibt.
Rekord: 61,3 Milliarden Euro für Gesundheit in einem Jahr
2025 gab Österreich 61,3 Milliarden Euro für das Gesundheitssystem aus. Das sind 3,5 Milliarden mehr als im Jahr davor und zum ersten Mal mehr als 60 Milliarden. Gemessen an der Wirtschaftsleistung liegt Österreich damit in der internationalen Spitzengruppe.
Finanziert wird das System aus drei Quellen: Sozialversicherungsfonds, Steuern und privaten Zahlungen. Den Gesamtaufbau beschreibt das Sozialministerium — Spitäler, Ambulatorien und Kassen bilden ein Netz. Die OECD verzeichnet in fast allen Industrieländern steigende Gesundheitsausgaben. In Österreich wachsen sie schneller als die Wirtschaft selbst.
Jeder vierte Euro kommt aus dem Privatsummel
Von den 61,3 Milliarden Euro entfielen 14,95 Milliarden, also 24,4%, auf private Ausgaben. Das Geld fließt direkt und über private Versicherungen. Jeder vierte Euro in der österreichischen Medizin ist damit privat.
Wofür wird das Geld ausgegeben? Für Wahlarzt-Honorare, Medikamente ohne Kassenrezept und Aufenthalte in der Privatklinik. Auch der Quartalsbericht des Sozialministeriums zeigt denselben Trend: Private Zahlungen steigen mit den Gesamtkosten des Systems. Für Familienbudgets ist das längst ein eigener Ausgabenposten — die Basisversicherung deckt von der Idee her nicht alles ab.

Zusatzversicherung: Warum 40% der Österreicher dazuzahlen
Eine private Zusatzversicherung zur gesetzlichen Kasse haben bereits 3,66 Millionen Menschen. Das sind rund 40% der Bevölkerung. Allein im vergangenen Jahr kamen 86.000 Versicherte dazu.
Die Polizze deckt, was die Krankenkasse nicht zahlt: Wahlarzt-Honorare, Einzelzimmer und Behandlung in der Privatklinik. Wie die gesetzliche Basis funktioniert, erklären wir ausführlich im Beitrag zur Krankenversicherung in Österreich.
Gesundheit ist komplex, da kann es schnell zu Fehlschlüssen kommen. Die Zusatzversicherung muss mit dem System atmen, nicht gegen es arbeiten.
— René Knapp, Vorstand UNIQA
Die Debatte spitzt sich politisch zu. Vizekanzler Andreas Babler will Privatspitäler aus der öffentlichen Finanzierung nehmen — wir haben berichtet, wie Babler die Gesundheitsausgaben verteidigt. Hans Aubauer, Leiter Group Health Insurance bei UNIQA, entgegnet: Es gibt längst eine Verbundversorgung. Öffentliche und private Medizin arbeiten seit Jahrzehnten zusammen.
Die Zahlen bestätigen das. Rund 130.000 Patienten werden jährlich in österreichischen Privatspitälern behandelt. Dort finden 15% aller Katarakt-Operationen, 10% aller Knie-Totalendoprothesen und 14% aller Geburten statt.
Wahlarzt und Privatklinik: Was die private Medizin bringt
Ein Wahlarzt hat keinen Vertrag mit der Krankenkasse. Der Patient zahlt das volle Honorar per Honorarnote, die Kasse erstattet rund 80% ihres eigenen Tarifs. Bei regelmäßigen Besuchen macht sich die Differenz rasch bemerkbar. Was ein Kassenarzt-Besuch kostet, haben wir im Beitrag zum Selbstbehalt beim Arztbesuch durchgerechnet.
Ein Kassenarzt behandelt gratis, doch Wartezeiten und fehlende Facharztplätze sind Alltag. Gerade das Warten ist das stärkste Argument für die private Medizin. Die Patienten zahlen für Tempo, freie Arztwahl und mehr Zeit im Ordinationszimmer.
Die Privatklinik bietet Einzelzimmer, Behandlung durch den Arzt der eigenen Wahl und Hotellerie auf hohem Niveau. Eine Zusatzversicherung übernimmt davon meist einen Teil oder alles. Auch die Politik streitet über Ärzte-Einkommen: Die Regierung diskutiert eine Obergrenze für Privatarzt-Honorare. Wie Mediziner verdienen, lesen Sie im Beitrag zu den Arzt-Gehältern in Österreich.

UNIQA-Umfrage: Jeder Zweite würde mehr zahlen
An der repräsentativen UNIQA-Befragung nahmen rund 3000 Österreicher zwischen 16 und 60 Jahren teil. Das Ergebnis zeigt eine klare Verschiebung: 48% würden mehr für ihre eigene Gesundheit tun als heute. 60% halten es für wichtig, sich einen Privatartzt leisten zu können.
Das auffälligste Signal kommt von den Jungen. Rund ein Drittel der jungen Zielgruppe interessiert sich für eine private Krankenversicherung. Im Schnitt wären die Befragten bereit, 55 Euro monatlich auszugeben, die Jüngeren sogar bis zu 62 Euro. Für eine Generation ohne chronische Erkrankungen wird die Versicherung zum Vorsorgeprodukt.
Hinter der Nachfrage steht die Demografie. Männer haben bei einer Lebenserwartung von rund 79 Jahren nur 61 gesunde Lebensjahre — fast 18 Jahre mit Einschränkungen. Bei Frauen ist die Lücke mit rund 23 Jahren noch größer. Bis 2070 könnte die Lebenserwartung auf 88 Jahre steigen, die Zahl der Über-65-Jährigen auf 2,9 Millionen. Die Bevölkerung Österreichs schrumpft seit sechs Jahren in Folge, es bleiben also immer weniger Erwerbstätige, die das System zahlen. Wie der Staat Pflegebedürftige unterstützt, haben wir im Beitrag zur Pflegegeld-Erhöhung erklärt.

Häufig gestellte Fragen
Was ist eine Zusatzversicherung und wie unterscheidet sie sich von der gesetzlichen Kasse? Die gesetzliche Krankenkasse ist für alle Pflicht, die in Österreich leben und arbeiten. Die Zusatzversicherung ist eine freiwillige Ergänzung. Sie übernimmt Wahlarzt-Honorare, Privatspitäler und Einzelzimmer. Ein Ersatz für die gesetzliche Versicherung ist sie nicht.
Wie viel kostet eine private Krankenversicherung in Österreich? Laut UNIQA-Umfrage wären die Österreicher bereit, im Schnitt 55 Euro monatlich zu zahlen, die Jüngeren bis zu 62 Euro. Die echte Prämie hängt von Alter, Gesundheitszustand und Umfang des Schutzes ab, eine universelle Zahl gibt es daher nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Wahlarzt und Kassenarzt? Der Kassenarzt arbeitet auf Kassenvertrag und behandelt gratis. Der Wahlarzt legt das volle private Honorar vor, von dem die Kasse rund 80% ihres Tarifs erstattet. Der Preis für die freie Arztwahl ist die Differenz zwischen Honorarnote und Erstattung.
Sollten Zuwanderer sofort eine private Versicherung abschließen? Nein. Zuerst kommt die gesetzliche Pflichtversicherung — wie man in das System einsteigt, steht in unserem Krankenkasse-Guide. Eine Zusatzversicherung fügt man meist später hinzu, wenn Einkommen und Bedarf wachsen.
Was das bedeutet: Fazit
Österreich bewegt sich auf ein zweistufiges Gesundheitssystem zu: eine Basis für alle und bezahlter Komfort für jene, die dazuzahlen wollen. Die UNIQA-Umfrage zeigt, dass 48% der Bevölkerung die zweite Stufe bereits akzeptieren. Der Staat reduziert seinen Finanzierungsanteil, während die Demografie das System von Jahr zu Jahr stärker unter Druck setzt.
Was Sie jetzt tun können:
- Prüfen Sie, was Ihre gesetzliche Versicherung genau abdeckt, bevor die erste private Rechnung kommt.
- Rechnen Sie Ihre Gesundheitsausgaben pro Jahr zusammen — Wahlarzt, Medikamente, Zahnmedizin.
- Vergleichen Sie 2–3 Angebote für eine Zusatzversicherung nach Leistung, nicht nur nach Preis.
- Wenn Sie regelmäßig zum Wahlarzt gehen, fragen Sie bei Ihrer Kasse nach, wie hoch die Erstattung für diesen Tarif ist.
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